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Ein verlorenes Tal
Von Bodo Wilbert
Wie eine Straße ins Nichts empfindet man die Wegkreuzung auf der Höhe des Anaga-Gebirges. Es geht steil hinunter in die Schlucht von Afur. Eine Schlucht, die nicht gerade lebensfreundlich erscheint. Steile und schroffe Berghänge geben nur wenig Platz zum Ackerbau oder zur Erstellung eines Eigenheimes. Eine Welt, in der sich Bergziegen wohlfühlen, weil sie ihren Verfolgern leicht entkommen können. Am Fuße des Tales, dort wo die schmale Bergstraße endet, ist der kleine Laden von Don Jose. Von hier aus geht es nur noch zu Fuß weiter bis an die Küste.
Seit 44 Jahren steht Don Jose in seinem Laden, wo immer noch die ersten Möbel als Tresen und Regale dienen. Man befindet sich auf einer kleinen Zeitreise auf die Kanaren vor 40 Jahren. Don Jose: „Als Junggeselle hab ich das Haus gekauft. Am Samstag hab ich geheiratet und am Montag hab ich den Laden aufgemacht.“ Wanderer und Naturfreunde kommen mit ihren Rucksäcken vorbei. Viele kennen Don Jose schon seit Jahren. Die Krönung eines langen Wandertages ist die Rast bei Jose mit hausgemachter Küche und Wein aus dem Tal.
Die Ruhe des Tales gibt Kraft. Sie distanziert uns vom Treiben der Geschäftswelt. Auch nach zwei Stunden Rast ist kein Auto zu sehen. Nur ein Bus, der mehrmals am Tag das Tal anfährt, ist die einzige Verbindung zur Außenwelt. Scheint es. Die Kinder und Enkel der Menschen, die vor Jahren das Tal verlassen haben, benutzen heute ihr Erbe als Wochenendhaus und zur Erholung. Bei denjenigen, die auch heute noch hier leben, stehen die Türen und Fenster offen. Manchmal klingen die Perlen des Fliegenvorhangs. Man hört, wenn die Hausfrau den Kaffee auf den Herd stellt, sonst nichts.
Nichts lenkt den Geist ab. Hier erlebt man nur den Moment. Man ist bei sich selbst. Und es tut gut. Sehr gut.