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Ein Ort des Friedens
Von Bodo Wilbert
Hausmanns Kost gibt es beim Wirt direkt vorne rechts an der Ecke zum Platz vor der Basilika der Jungfrau Candelaria. Vielleicht dachte er:
„Schuster bleib bei deinen Leisten“,
als er genau an dieser Stelle vor vielen Jahren sein Restaurant eröffnete. Kein Restaurant für Touristen, auch kein Restaurant, wie man sie in der Stadt findet. Sein Restaurant ist für die vielen Pilger gedacht, die tagtäglich von allen Inseln und anderen Orten der Welt hier herkommen.
Alle wollen sie einen direkten Kontakt mit der Jungfrau Candelaria, die auch die Schutzpatronin der Kanaren ist. Vielleicht beten sie, vielleicht sprechen sie direkt zu ihr oder mit ihr? Das weiß wohl niemand, außer den Betroffenen selbst. Und wenn sie es wissen, dann können sie es nicht richtig erklären.
Es gibt frittierte Salmonetes und Fischsuppe. Nur sehr selten oder fast gar nicht mehr kann man Salmonetes, die zu den schmackhaftesten Fischen aus der Region gehören, auf einer Speisekarte finden. Diejenigen, die den würzigen Geschmack dieses Fisches kennen, kehren hier ein, beim Wirt, direkt vorne rechts an der Ecke, am Platz vor der Basilika. Die Salmonetes sind natürlich von einem ortsansässigen Fischer. Von kreativer Küche hält er nicht viel. Seine Gäste sollen sich bei ihm wie zu Hause fühlen. Deshalb ist auch die Fischsuppe so zubereitet, wie sie jede gute Hausfrau für ihre Familie zubereitet. Die jenigen Hausfrauen, die am Meer wohnen und tagtäglich mit Fisch in Berührung kommen. Schon ihre Mütter und ihre Großmütter haben so eine Fischsuppe zubereitet.
Fischbrühe,
aus frischem Fisch natürlich,
etwas Reis,
ein paar Stückchen Fisch und, nicht zu vergessen, ein Blatt Minze, Hierba Buena (gutes Kraut). Das I-Pünktchen einer guten Fischsuppe.
Die Liebe geht eben doch durch den Magen.
Vor der Basilika steht eine Schulklasse. Sie haben ein großes Seil mitgebracht. Ein Mädchen nach dem anderen springt hinein in den Kreis, der durch das schwingende Seil gebildet wird. Auch sie befinden sich irgendwie in einer sanften Fröhlichkeit. Eine fröhliche Stimmung, die auf dem ganzen Platz und bis in die ersten Straßen hinein, zu spüren ist. Kirchen gibt es überall. Alle sind sie irgendwie schön. Alle verbreiten eine gewisse spirituelle Stimmung. Aber die Stimmung vor und in der Basilika von Candelaria scheint etwas Besonderes zu sein. Es ist eine weltoffenere Stimmung. Jeder fühlt sich willkommen an diesem Platz. Nichts Mysteriöses, wie es oft von einer verschlossenen Kirchentür ausgeht. Die Türen stehen weit offen. Man wird mit offenem Herzen empfangen.
Die Jungfrau steht im Zentrum. In der Mitte hinter dem Altar. Sie leuchtet. Ehrfürchtig verneigen sich alle vor ihr. Aber es ist eine freundliche Verneigung. Wie, wenn man einen guten Freund nach langer Zeit wieder trifft. Ehrfürchtig, aber ohne Furcht. Hier steht nicht der gerechte Gott im Vordergrund. Hier ist der gute Gott anwesend.
Eine junge Frau sitzt in der zweiten Reihe. Während sie mit ihrer linken Hand und flinken Fingern in ihrem kleinen Gebetbuch hin- und herblättert und die Texte hastig vor sich hermurmelt, schaukelt sie mit ihrer rechten Hand ihr kleines Kind mit dem Kinderwagen vor und wieder zurück. Sie ist ganz in ihrem Element. Gebet und Kinderwagen bewegen sich im gleichen Rhythmus. Auch die Menschen, die wie eine leichte Brise hinein und wieder heraustreiben, scheinen sie nicht zu stören.
Ein älterer Herr sitzt ziemlich hinten. Er sieht erschöpft aus. Eine unsichtbare Last scheint ihn auf die Bank zu drücken. Hier, in dieser Basilika, schwindet die Schwere von Minute zu Minute. In seinem Gesicht spürt man eine Erleichterung. Auch er lässt sich von der leichten Menschenbrise nicht stören. So wie niemand von niemandem gestört wird oder gestört werden kann.
Es ist ein besonderer Ort. Schon das Auffinden der Marienstatue war eine einzigartige Begebenheit. Zwei Hirten der Guanchen fanden sie im August 1392 auf einem Felsen am Strand. Und das war über Hundert Jahre bevor die Christen auf die Inseln kamen. Der Guanchenkönig von Guimar ließ sie in einer Höhle auf Ziegenfellen aufbewahren. Obwohl sie vom Christentum noch nie etwas gehört hatten, verehrte man sie wie eine Heilige. Die Christen haben ihr später sofort eine Kapelle gebaut. Dadurch sind die heutige Basilika und der Ort Candelaria entstanden.
In ihrem rechten Arm hält die Jungfrau das Jesuskind. Und in der linken Hand hält sie eine grüne Kerze, die aus dem gleichen Holz geschnitzt wurde. Eine „Candela“ (Kerze), deshalb Candelaria.
Die Originalstatue wurde bei einem Unwetter am 7. November 1826 vom Meer verschluckt. Obwohl man intensiv nach ihr suchte, konnte man sie nicht wieder finden. Der Bildhauer Fernando Estevez stellte eine exakte Kopie her, die man heute noch betrachten kann.